Kirche sein in der Mitte der Gesellschaft

Theologie im Paradies 2023 mit Beate Hofmann

Zu einem besonderen Jubiläum konnte die Kirchengemeinde und der Kreis der Emeriti (pensionierte Theologieprofessoren) einen besonderen Gast begrüßen: mit Bischöfin Dr. Beate Hofmann war eine der führenden Kirchentheoretikerinnen Deitschlands zu gast, die sowohl als Professorin an der kirchlichen Hochschule Wuppertal -Bethel als auch in der Praxis - als Bischöfin der EKKW - breite Erfahrungen in Wissenschaft und Praxis der Diskussion über Kirche der Zukunft mitbringt.

 

Die Bischöfin beleuchtete in Ihrem Vortrag die Zukunft der Kirche und warb insbesondere dafür, sich nicht vom Pessimismus angesichts sinkender Mitgliederzahlen leiten zu lassen. Kirchenaustritte seien ein Problem, aber vor allem der Ruhestand der sogenannten Babyboomer-Generation führe zu erheblichen Rückgängen an Ressourcen, sowohl finanziell, weil diese Generation viel Steuern bezahlt habe, als auch personell, weil auch bei den Pfarrerinnen und Pfarrer sehr viel mehr in Ruhestand gehen als nachkommen.

 

Sie rief zum kreativen Umgang damit auf. Die kurhessische Kirche habe beispielsweise trotz bzw. wegen der Ressourcenknappheit einen Innovationsfonds ins Leben gerufen, damit trotz knapper Kassen noch Raum für neue Wege sei.

 

Die Kirche sei auf dem Weg eine Minderheit in der Gesellschaft zu bilden. Zwischen den beiden Möglichkeiten, sich als Kirche nun auf sich selber zu konzentrieren und sich als Gegenentwurf zu dieser Welt zu verstehen oder sich als Kirche gerade einer Welt zuzuwenden, die nicht unbedingt zur Kirche gehöre, wähle sie eindeutig die zweite. Jesus nenne seine Leute: „Salz der Erde“. Wie Salz, wovon wenig dem Teig beigemessen sei, könne auch eine kleinere Kirche gute Auswirkungen auf eine nichtkirchliche Gesellschaft haben. Dass auch eine kleinere Kirche in der Welt noch gefragt sei, zeige zum Beispiel mit welcher Begeisterung derzeit kirchliche Präsenz und Segen bei der Landesgartenschau in Fulda wahrgenommen würden. Auch neue Formen, etwa bei der Gestaltung von Taufen erwiesen sich als erfolgreich und seien eine Brücke zu den Menschen. Gleichwohl dürfe man - trotz rückläufiger Teilnehmerzahl- den sonntäglichen Gottesdienst nicht vernachlässigen, da auch dieser für viele wertvoll sei. Klar müsse allerdings auch sein, dass es um Prioritäten geht: der/die Pfarrerin, der/die etwas Neues wagt, schafft das allein zeitlich nur, wenn er dafür auch etwas anderes sein lassen kann. Hier müssten sich Kirche und Gemeinden auch inhaltlich im Sinne einer Schwerpunktsetzung verständigen, damit die Belastungen nicht auf dem Rücken der Menschen ausgetragen würden

 

Auch die politisch-gesellschaftliche Stimme der Kirche(n) sei gefragt, so die Bischöfin, die für das Konzept der öffentlichen Theologie warb. Hier gelte es auch Spannungen auszuhalten und fruchtbar zu füllen: Befragungen zeigen dass Menschen keine politischen Predigten wollen, die gleichen Befragten aber erwarten, dass Kirche für die Schwächsten - für Menschen in Armut, mit Behinderungen oder auf der Flucht kämpfe‘.

 

In der regen Diskussion, die sich am Dir Kaffeepause anschloss, warnte sie vor falschen Kontrasten: „es führt nicht weiter, wenn man innerhalb der Kirche zwischen Innen und Außen trennt: fast alle kirchlichen Handlungen hätten Strahlkraft innerhalb, d.h in der Kirche und ihren Mitgliedern wie außerhalb: ob Kirchenmusik oder Diakonie, Bildungsarbeit oder Jugendarbeit: alles wirkt nach innen und nach außen und dürfe im Diskus nicht gegeneinander ausgespielt werden: „Kirrche muss auch in der Zukunft mitten in der Welt sein, und darf sich nicht auf sich selbst begrenzen, so Hoffmann abschließend. Manchmal sei der Weg nach außen und in die Gesellschaft vielleicht anstrengend(er), aber auch viel lohnender.

 

Mit ihrem Vortrag fügt Beate Hofmann sich in die namhafte Gästeschar von Theologie im Paradies ein, einem Deutschlandweit wohl fast einzigartigen Format, bei dem Wissenschaft und (kirchliche) Praxis im Garten der calderner Kirche (meistens) unter freiem Himmel einander begegnen und mit vielen Facetten theologische Fragen beleuchten. Gäste waren in den vergangenen Jahren unter anderem der Alttestamentler Prof Reiner Kessler, die praktischen Theologen Prof Horst Schwebel und Prof Gerhard Marcel Martin, die systematischen Theologen Prof. Dietrich Korsch und Prof. Peter Steinacker, der als ehemaliger Kirchenpräsident der EKHN seinerzeit Richard Wagner und die Religion beleuchtete. Aber auch der Neutestamentler und ehemalige Präsident der Berliner Humboldt-Universität, Christoph Markschies, waren ebenso zu Gast wie der Religionswissenschaftler Christoph Elsas und der Altphilologe Arbogast Schmidt. Begründet wurde ,Theologie im paradies‘ 2012 durch den Pfarrer der seinerzeit noch selbständigen Gemeinde caldern, Marian Zachow und den ,Kreis der emeriti‘ der theologischen Fakultät Marburg. Mit diesem Projekt sollte seinerzeit nicht nur ein innovatives Format des theologischen Disputierens- und Diskutierens „im Paradies“, also in einem Garten unter freiem Himmel mit der damit verbundenen Atmosphäre geschaffen werden, sondern auch an die jahrhundertelange Verbindung zwischen der Kirchengemeinde Caldern und der Philipps-Universität angeknüpft werden: im Zuge der Reformation kamen die Ländereien des Klosters Caldern nach Auflösung der Klöster in den Besitz der Universität Marburg, seitdem hatte - bis vor wenigen Jahren / die Universität das Patronat über die Pfarrstelle der Ev. Kirche Caldern inne. In dieser Tradition waren es häufig auch Professoren aus der Marburger theologischen Fakultät, die neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit in Caldern als Gemeindepfarrer oder mit einzelnen Gottesdiensten wirkten. An dieses fruchtbare Miteinander von Wissenschaft und Gemeinde habe man seinerzeit bewusst anknüpfen wollen, erläutert Pfarrer Ruckert: „dass daraus ein festes und sehr erfolgreiches Veranstaltungsformat wird, das über 10 Jahre sehr renommierte Referenten anzieht, hätte man sich kaum träumen lassen“.