Der Ratsvorstizende der EKD Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm informiert über das in der Presse verbreitete Projekt: Die EKD möchte zusammen mit anderen ein weiteres Rettungsschiff ins Mittelmeer entsenden.

Fragen und Antworten zum Thema Seenotrettung durch die EKD

Wird die evangelische Kirche das Schiff selbst betreiben?
Das zusätzliche Schiff wird von einer zivilen, erfahrenen Seenotrettungsorganisation betrieben – nicht durch die EKD oder das geplante Bündnis. Um das zu klären, ist die EKD aktuell im intensiven Gespräch mit professionellen Seenotrettern. Für ein solches Schiff braucht es nautische Expertise, das Wissen, wie man solche Rettungseinsätze auf hoher See durchführt und die Kapazitäten, das Schiff mit Mann-schaft und laufenden Kosten zu betreiben.


Wird der Schiffskauf mit Spendenmitteln finanziert? Wer wird diese Mittel einwerben?
Der Verein, der in den nächsten Wochen gegründet wird, wird die Spenden einwerben. Alle, die den Schiffskauf und die zivile Seenotrettung unterstützen wollen, können dafür spenden – ob nur einmal oder auch als Dauerspende. Kommt mehr Geld zusammen, als für den Schiffskauf letztlich benötigt wird, wird die Rettungsorganisation unterstützt, die am dringendsten Geld benötigt, um die nächste Mission zu fahren.


Wieviel kostet das Schiff? Wird es auch aus Kirchensteuern finanziert?
Noch ist kein Kaufpreis bekannt, es wird aber mit einem niedrigen siebenstelligen Betrag gerechnet. Der Betrag für den Kauf des Schiffes soll vor allem über Spenden finanziert werden. Kirchensteuern werden von der EKD nur in den Aufbau des Bündnisses, nicht aber unmittelbar in das Schiff gehen.

 

Wann wird das Schiff auslaufen?
Das Schiff soll so bald als möglich in den Einsatz kommen. Ein genaues Datum lässt sich zwar noch nicht nennen, doch die EKD hofft, dass das Schiff bereits im kommenden Frühjahr in den Einsatz kommen kann. Zahlreiche Schritte sind im Vorfeld nötig: Das nötige Geld muss gesammelt werden, ein geeigne-tes Schiff muss zum Kauf angeboten werden, das Schiff muss für Rettungseinsätze umgebaut und aus-gestattet werden – und in einem letzten Schritt in das Mittelmeer überführt werden.

 

Gibt es schon konkrete Kaufpläne?
Nein, die EKD hält allerdings bereits gemeinsam mit Seenotrettern Ausschau nach einem geeigneten Schiff unter deutscher Flagge.

 

Welchen Sinn macht es, mit viel Aufwand ein Schiff loszuschicken, das möglicherweise wenig später wieder beschlagnahmt wird?
Jedes gerettete Leben ist diesen Aufwand wert. Sollte das Schiff behindert oder festgesetzt werden, wäre das ein humanitärer Skandal. Die EKD will damit auch ein Zeichen setzen, dass Politik nicht länger tatenlos bleibt, sondern die staatliche Seenotrettung unverzüglich wiederaufgenommen wird.

 

Ist gegenwärtig oder zukünftig ausgeschlossen, dass die Seenotretter neben einem europäischen Hafen auch einen nordafrikanischen Hafen ansteuern? Was spricht gegen Tunesien?
Tunesien kann – wie auch Marokko – kein sicherer Hafen sein, weil es dort kein Asylsystem gibt. Am-nesty International und andere Organisationen weisen auf staatliche Menschenrechtsverletzungen ge-gen Schutzsuchende hin. Das erste Gerichtsurteil zum Fall der Sea-Watch 3 und der Kapitänin Rackete bestätigt dies: Das italienische Gericht bestätigte, dass die Entscheidung eines Kapitäns, das libysche SAR-Gebiet in Richtung Italien zu verlassen, legitim ist, weil in Libyen und Tunesien keine „sicheren Häfen“ existieren. Vielmehr ist die Anlandung an einem Ort notwendig, an dem die Menschenrechte
garantiert sind, angefangen beim Asylrecht. Tunesien bietet das nicht, auch wenn der UNHCR und lo-kale NGOs dort insgesamt gute Arbeit leisten und auch staatliche Behörden Fortschritte machen.

 

Ist es Aufgabe der EKD, sich in die höchst kontroversen politischen Einschätzungen, etwa über die Beurteilung Tunesiens, hineinzubegeben und auf der Basis solcher höchst kontroverser Einschätzun-gen politisch tätig zu werden?
Menschen müssen in Sicherheit gebracht werden. So sieht es das internationale Seerecht vor! In den vergangenen Monaten wurde politisch alles darangesetzt, die Rettung von Menschenleben zu verhin-dern und die zivile Seenotrettung zu kriminalisieren. Da darf Kirche nicht tatenlos zusehen. Vielmehr erinnert die EKD mit ihrem Handeln an Mitmenschlichkeit, Barmherzigkeit, an Solidarität mit Menschen in Not. Das eigentliche Signal der Initiative ist doch: Aufmerksam zu machen auf die Situation im Mit-telmeer, das anhaltende Sterben tausender Menschen, die weitgehend tatenlose Politik, die auf euro-päischer Ebene immer noch keinen Verteilmechanismus finden konnte. Und auf die vielen Städte und Kommunen, die sich bereiterklärt haben, Bootsflüchtlinge aufzunehmen.

 

Wer gehört zu dem breiten gesellschaftlichen Bündnis?
Die EKD hat in den letzten Wochen zahlreiche Organisationen angesprochen – und von Dutzenden un-mittelbar Signale der Unterstützung und des Interesses erhalten! Es waren große und kleine Einrich-tungen dabei! Sportvereine, Hilfsorganisationen, Unternehmen, ebenso wie Kirchengemeinden, Schu-len, Theater, Netzwerke und Initiativen von ehrenamtlich Engagierten. Dazu hat die EKD mehrere Tau-send unterstützende Emails erhalten. Dieser enorme Zuspruch hat den Rat der EKD bestärkt, dass sich das geplante Bündnis für ein zusätzliches Rettungsschiff realisieren lässt.

 

Warum beteiligt sich die EKD an der Seenotrettung?
Als Kirche und Diakonie sehen wir das Retten von Menschenleben als selbstverständliche Pflicht an. Es ist ein Gebot christlicher Nächstenliebe, Menschen, die aus ihren Heimatländern vor Krieg und Elend fliehen, nicht ihrem Elend zu überlassen.


Er antwortete und sprach: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst."

(Lukas 10,27)